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Flechtwerk
Lebendige Nachbarschaft und Integration

so heißt die erste Ausgabe unserer neuen Zeitschrift

FLECHTWERK - Lebebendige Nachbarschaft und Integration

Die Deutschen sind ofener geworden und haben gleichzeitig mehr Sinn für Heimat, Familie und Nachbarschaft entwickelt. Es müssen neue Wege gesucht werden, um Ausgrenzung und Anonymität zu verhindern.

Der Zwerg in der Rissener Heide

Der Zwerg in der Rissener Heide

Rissen ist ein Stadtteil, der im westlichsten Zipfel Hamburgs liegt. Dort gibt es auch die Rissener Heide, wo die folgende Sage spielt. Rissen heißt nach dem vielen Ried (=Schilfsgras) oder Ries (=Strauch, Buschwerk) des früheren Moorgebiets. Die Endung "-sen" entspricht dem alten "-husen" des 7.-9. Jahrhunderts.
Aber auch die Stadt Wedel wird in dieser Sage erwähnt. Wedel liegt zwar schon in Schleswig-Holstein, grenzt aber direkt an Hamburg. Vielleicht lagen die Ländergrenzen zur Entstehung der Sage noch anders.

Lisa Neumann

Der Zwerg in der Rissener Heide

Ein alter Schäfer aus Blankenese hatte einst in der Rissener Heide ein Schaf verloren. Er suchte und suchte; und als er es endlich gefunden hatte, war es so dunkel geworden, dass er den Weg nicht mehr sehen konnte. Er nahm das Schäfchen auf die Schultern und ging quer durch die Heide auf die Lichter von Blankenese zu. Gemächlich zog die Schafherde hinter ihm her. Über ihm war der Sternenhimmel. Ganz still war es in der Heide ringsum. Nur ganz in der Ferne bellten von Zeit zu Zeit die Hunde. Da schlug es vom Kirchturm zu Wedel zwölf Schläge. Traulich berührten die Klänge der Kirchturmglocke den Schäfer in der stillen Heide, sodass er unwillkürlich still stand und lauschte - bis die Glockenschläge schon eine Zeitlang verstummt waren.

Sinnend ging er einige Schritte weiter - er kam so auf einen kleinen Hügel. Da - was war das? War es Wirklichkeit oder träumte er? Er meinte ein Flüstern und Singen von feinen Stimmen zu hören. Lauschend blieb er stehen. Der Mond war inzwischen aufgegangen, und nun sah er, wie aus den Fuchslöchern und aus den Kaninchenlöchern, zwischen den Wurzeln des Heidekrautes hervor kleine Zwerglein kamen: Männlein und Weiblein in langem, braunem Mantel, mit einer Kapuze auf dem Kopf. Auf dem Gürtel des Mantels und an der Kapuze hingen kleine Glöckchen. Die Zwerge fassten sich an zu zweien und zu dreien und tanzten zu ihren selbstgesungenen Weisen einen Ringelreihen. Die kleinen Glocken klangen ganz sanft dazu. Als die Zwerge ihren Tanz beendet hatten, schlüpften sie ihren Weg zurück, den sie gekommen waren, und der Schäfer stand wieder allein in der einsamen Heide. Beim Weitergehen waren seine Gedanken noch immer bei dem seltsamen Erlebnis.

Als er es in Blankenese erzählte, sagten die Leute: „Die Zwerge sind boshafte Wesen, wir müssen es dem Pfarrer von Nienstedten erzählen, dass er sie von der Erde vertreibt." Der Pfarrer von Nienstedten war derselben Ansicht. Er legte sich aus seiner Bibel eine schöne Rede zurecht und wollte gleich am andern Abend das Werk verrichten. Aber ich weiß nicht, ob er sich fürchtete, allein zu gehen? Köhler, der Küster, musste mit ihm. Um zehn Uhr des Abends machten dich beide auf den Weg und gingen durch die Heide nach der Stelle, die der Schäfer bezeichnet hatte. Jetzt standen sie auf einem Sandhügel. Wie am vorigen Abend war auch jetzt alles ganz still rundum. Die Sterne standen am Himmel, und der Mond erhellte das Land. Jetzt tönten aus der Ferne von Wedel her zwölf Glockenschläge. Und sieh, zu ihren Füßen hörten die beiden bald ein Flüstern, ein Singen und Klingen, und sie sahen im Mondschein die kleinen Zwerge tanzen, wie der Schäfer es berichtet hatte. Da meinte der Pfarrer, jetzt sei die Zeit, die Rede zu beginnen. Er räusperte - das musste der Küster so gewaltig niesen, dass er von dem Hügel hinunterstolperte in die Reihen der tanzenden Zwerge. Ein wirres Durcheinander von kleinen Schreien und Flüstern - ein Rascheln im Heidekraut, und die Zwerge waren verschwunden!

Noch manchen Abend hat der Pfarrer von Nienstedten mit seinem Küster hier von zwölf bis ein Uhr nachts gestanden: aber die haben vergeblich auf die Zwerge gewartet. Die waren nämlich ängstlich geworden und lasen sich deshalb in der Rissener Heide nur noch ganz, ganz selten sehen.

 

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Quelle: Sagen und Märchen aus Hamburg. Herausgegeben von Gundula Hubrich-Messow,
© 2002 by Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH u. Co. KG, Husum

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