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Familie Stauffenberg: Hitlers Rache

Ursula Brekle

Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg war als Ehefrau von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Schlüsselfigur im Widerstand gegen Hitler, von Anfang an in die Widerstandspläne ihres Mannes einbezogen. Sie bewies Mut und Stärke, obwohl sie nach der Ermordung ihres Mannes im Gefängnis und im KZ leben musste. Auch durch den Verlust von Angehö-rigen durchlebte sie eine leidvolle Zeit. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 drohte Himmler:
„Die Familie Stauffenberg wird ausgelöscht bis ins letzte Glied.“
Vor Ihnen liegt die spannungsreiche Geschichte, die beweist, dass es Himmler nicht gelungen ist, die Drohung wahrzumachen. Die jüngste Tochter von fünf Geschwistern Konstanze wurde noch während der mütterlichen Haft geboren. Sie berichtete vom 90. Geburtstag ihrer Mutter Nina, auf dem über 40 Nachkommen zusammengekommen waren. Die Nationalsozialisten haben trotz Hinrichtungen und perfider Sippenhaft nicht gewonnen.

Sylvin Rubinstein

Sylvin Rubinstein

Ulrike Unger

Die Geschichte des Sylvin Rubinstein ist eine Geschichte vieler Leben. Jedes einzelne davon randvoll mit Erlebnissen: ungeheuerlich grausamen, bewegenden und erstaunlichen.

1914 kommen in Moskau die Zwillinge Sylvin und Maria Rubinstein zur Welt. Die Mutter, jüdische Tänzerin im Zarenballett von St. Petersburg, der Vater Nikolai Pjetr Dodorow, ein junger Fürst und Offizier am Hof des Zaren Nikolaus II. So wird sie es später ihren Kindern erzählen, denn der Vater wird in der Revolution ermordet. Seiner Familie hatte er vorher noch zur Flucht verholfen. Eingenäht in die Kleider der Kinder sind wertvolle Perlen und Ketten, die die Existenz sichern. Rubinstein und seine Schwester verbringen ihre Kindheit in Brody, das damals in Galizien lag, Landschaft zwischen Westukraine und Südpolen. Sie sind von Anfang an unzertrennlich und teilen jeden Tag und jedes Ereignis miteinander. Die beiden haben dem fahrenden Volk das Tanzen auf den Straßen abgeschaut und tun es ihnen nach. Die Mutter will ihr Talent fördern und schickt die tanzenden Zwillinge nach Riga zu Madame Litwinowa, seinerzeit begnadete russische Primaballerina, die den beiden eine Weltkarriere vorhersagt und sie darum hart und streng trainiert. Irgendwann ist ihnen das Ballett nicht mehr genug. So wird der stürmische Flamenco ihre große Leidenschaft. Fortan reisen sie als gefeiertes Tanzpaar Dolores & Imperio durch die bekanntesten Varietétheater in Europa. Krakau, Wien, Budapest, Paris, London. Sogar nach Istanbul führen ihre Tourneen.

Schließlich auch nach New York. Als in Deutschland die Bücher brennen, gastieren Sylvin und Maria gerade in Berlin und setzen sich schnellstmöglich ab. Sylvin bleiben nur eine Gitarre und ein paar Kastagnetten. Wenig später in Prag, erfahren sie von der Annexion Österreichs und flüchten Richtung Polen. In Warschau holt sie das braune Regime 1939 ein. Die Geschwister müssen im Ghetto leben. Rubinstein wird Zeuge von sadistischer Gefängnisfolter nach einer Razzia. Er sieht, wie Nazi-Gefolgsleute jüdische Kinder aus den oberen Stockwerken der Häuser werfen, Lastwagen, die Menschen auf der Straße willkürlich überfahren. Er hat die Wahl zwischen Angst und Widerstand. Er wählt den Widerstand. Mit Maria gelingt ihm das Unglaubliche: die Flucht aus dem Warschauer Ghetto. Seine Klugheit und Chuzpe fallen dem deutschen Major Kurt Werner ins Auge, der für den britischen Geheimdienst arbeitet und Rubinstein in den Untergrund holt. Als Pole Sylvin Turski stattet er nun Verfolgte mit falschen Pässen aus, hilft ihnen über die Grenze, versteckt jüdische Kinder im Kloster Miejsce Piastowe bei Krosno in Südpolen, die später nach England in Sicherheit gebracht werden. An Werners Seite führt er als italienische Journalistin und Sängerin verkleidet Attentate auf hochrangige Wehrmachts- und SS-Männer im besetzten Polen durch. Befreit mit Partisanen russische Kriegsgefangene aus einem Lager. Die Strategie der Verkleidung geht auf, zu seinem eigenen Schutz erledigt Rubinstein Botengänge und Anschläge stets in Frauenkleidern. 1942 will die Schwester Maria von Warschau aus nach Brody, die Mutter holen sowie Rubinsteins Frau Sala und die beiden Kleinkinder. Sie will sie verstecken, aus der Schusslinie der Mörder bringen. Am Bahnhof sagt sie zu Sylvin, sie würde durchkommen, sie sähe ja nicht jüdisch aus. Es ist das letzte Mal, dass er seiner geliebten Zwillingsschwester gegenüber steht. Zeitpunkt und Ort ihrer Tötung sowie die der restlichen Familienmitglieder bleiben unbekannt. Der Alptraum dieses Verlustes wird Sylvin Rubinstein zeitlebens nicht loslassen. Noch lange nach dem Krieg wird er verzweifelt in alten Filmaufnahmen, die das Fernsehen in Dokumentationen über den Holocaust ausstrahlt, nach den Gesichtern seiner verschleppten Familie suchen.

Als es in Polen für ihn zu gefährlich wird, schickt man ihn mit Papieren ausgestattet als Fremdarbeiter nach Berlin-Neukölln. In einem Krankenhaus verrichtet er Hilfsarbeiten für medizinische Forschungszwecke. Er erfährt, wie dort polnische Buchenwald-Insassen durch Injektionen reihenweise getötet werden und setzt alles daran von dort wegzukommen.

Dann verbringt er mehrere Nächte auf einem Friedhof, zum Trinken hat er nur das Wasser der Friedhofsvasen, bis eine Frau ihn abholt und in die Berliner Wohnung des Majors bringt, wo er zwei Jahre versteckt lebt. Am Ende des Krieges findet Rubinstein in den Trümmern Berlins eine alte Flagge, entfernt die Hakenkreuze und näht sich aus ihr ein Kleid. Er zieht nach Hamburg und noch einmal liegen ihm die Bühnen der Varietés und Nachtclubs der 50er Jahre zu Füßen. Als Stripperin auf der Großen Freiheit sorgt er für Furore. Und niemand ahnt, dass hinter der feurigen schlanken Tänzerin ein Mann steckt. Von jetzt an wird Rubinstein die Wunde der getöteten Schwester mit dem Flamenco zu verschließen versuchen. Indem er zu Dolores wird. Er kennt die Tanzschritte Marias, trägt ihre Kostüme. „Wenn ich habe getanzt, ich habe gehabt mein Schwesterlein immer dabei", so Rubinstein gegenüber seinem Biografen Kuno Kruse. Sein Tanz als Dolores ist ihr Weiterleben.

St. Pauli mit seinem bunten Menschenschlag, mit den Gestrandeten und Einsamen, den Prostituierten, den Träumern und Individualisten bleibt sein Zuhause - auch als die Zeiten des Varietés vorbei sind. Er füttert streunende Katzen, handelt mit Trödel, arbeitet als Dolmetscher für die Ausländerbehörde, bringt Flüchtlinge und verarmte Künstler in seiner winzigen Kiez-Wohnung unter. Seine Güte hat er dem Krieg nicht geopfert.

Am 30. April 2011 stirbt Sylvin Rubinstein im Alter von 97 Jahren in Hamburg. Sein Grab befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof.

 

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Quellen:


http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7925816.html
http://www.stadtmensch-chronicles.de/rubinstein.html
http://www.bellastoria.de/sylvin-rubinstein
http://www.dkp-online.de/uz/4321/s1302.htm
http://www.kunokruse.de/deutsch/leben.htm
http://www.abendblatt.de/kultur-live/article108627662/Ueberleben-durch-den-Flamenco.html
http://www.amazon.de/gp/aw/cr/rR1QIMBDJUAXQCX
https://de.wikipedia.org/wiki/Sylvin_Rubinstein
https://linksunten.indymedia.org/de/node/38890
Foto im Text: Wittke-Michalsen, pixabay.com