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Frank Meyer

Raum 101
Erzählungen über Männer

Von dem Konflikt mit dem Vater beim Froschschenkeljagen, den abenteuerlichen Gefühlen einer Kinderliebe, den bleibenden Momenten mit dem besten Freund, die erschütternden Erlebnisse beim Bund...teils einfühlsam, teils derb erzählen die Geschichten dieser Sammlung, wie Jungen und Männer sich in verschiedenen Lebensabschnitten bewähren... oder wie sie versagen. 

Friedrich Hebbel

Friedrich Hebbel

Ulrike Unger

Von Wesselburen in die Welt

 

„Ich habe oft ein Gefühl, als ständen wir Menschen (d. h. jeder Einzelne) so unendlich einsam im All da, daß wir nicht einmal Einer vom Andern das Geringste wüßten und daß all uns're Freundschaft und Liebe dem Aneinanderfliegen vom Wind zerstreuter Sandkörner gliche."

( Aus Hebbels Tagebuch, 10. Dezember 1836)

Als Friedrich Hebbel (geb. 1813), der Dichter aus der norddeutschen Provinz, 1835 erstmals Hamburg betritt, hofft er die Misere, in der er sich befindet, endlich hinter sich lassen zu können. Doch es kommt anders und die Stadt wird für Hebbel zur Zerreißprobe.

Eine Befreiung aus der Enge kleinbürgerlicher Verhältnisse, von permanenten finanziellen Nöten und einem rauen sozialen Klima, das war es, wonach sich der 22-Jährige sehnte. Aus Wesselburen stammend, hatte der Maurersohn Friedrich Hebbel bis dahin in erbärmlicher Armut gelebt. Der Vater ein Raubein, ein Grobian, der seinen beiden Söhnen nicht ein Stückchen Brot gönnte, das in dem bescheidenen Heim sowieso nur gering vorrätig war. Aufgrund einer leichtsinnigen Bürgschaft, verlor die Familie das kleine Haus und stand fortan völlig mittellos da. Friedrich, der ältere Sohn, wurde als Laufbursche in die Dienste des Kirchspielvogts Mohr gegeben. Der Bibliothek des Dienstherrn, zu der er glücklicherweise freien Zugang hatte, war es zu verdanken, dass Hebbels lernwilliger Geist Nahrung fand. Hier begann er seine ersten Gedichte zu verfassen.

Amalie Schoppe, die Schriftstellerin und Herausgeberin der „Neuen Pariser Modeblätter" wird in Hamburg die Unterstützerin des jungen Hebbel. Sie war bereits 1831 auf seine Veröffentlichungen in lokalen Zeitschriften aufmerksam geworden und lädt ihn schließlich zu sich in die Großstadt ein. Für Hebbel ist dies ein gewaltiger Sprung nach vorn, stets verbunden mit der Hoffnung auf ein gesichertes Einkommen und einer Etablierung in der gehobenen Gesellschaft. Er beginnt jetzt Tagebuch zu führen, um all die massiven Eindrücke, die um ihn herumwirbeln festzuhalten und zu verarbeiten. Das Tagebuch, das er bis zu seinem Tod im Jahre 1863 führt, zählt zu den erstaunlichsten Produktionen der Literatur. Nicht nur sein immenser Umfang beeindruckt. Inhaltlich rollt es das ganze vielschichtige, zerrissene Wesen Friedrich Hebbels auf.

In Hamburg angekommen, verschafft ihm Amalie Schoppe einen Platz am Johanneum, um sich auf ein Studium vorzubereiten und führt ihn in die bessere Gesellschaft ein. Er zieht in eine Wohnung am Stadtdeich. Hier begegnet er der Näherin und Putzmacherin Elise Lensing. Sie wird seine Gefährtin und Geliebte. Doch Hebbel will sich nicht recht an Elise binden, obgleich diese ihn soweit es ihr möglich ist, hilft. Menschlich und materiell. Er nimmt dies dankbar an, eine Heirat lehnt er jedoch ab, auch noch, als Elise seinen ersten Sohn zur Welt bringt.

Die Beziehung zu seiner Gönnerin Amalie Schoppe wird zunehmend frostiger. In das reiche Bürgertum mit seiner Moral und seinen Regeln kann sich Hebbel nur schwer einfinden. Zu häufig stolpert er über unlösbare Kontroversen, Überheblichkeit und Ungerechtigkeit. Doch im Gegenzug macht auch er selbst es seinen Zeitgenossen nicht leicht und stellt durch schroffe und aufbrausende Charakterzüge nicht nur einmal die Gutmütigkeit der Menschen auf die Probe, die ihm helfen seine Notlage erträglicher zu gestalten. Wie so oft versöhnt ihn die Lyrik mit seiner Seele. Sein persönlicher Zwiespalt aus Selbstzweifeln und dem Bewusstsein der eigenen Begabung bleibt ihm allerdings erhalten.

Nach einem Jahr zieht Hebbel nach Heidelberg, um sein Jurastudium in Angriff zu nehmen. Doch die Auslegungen der Rechtsgelehrten widerstreben ihm bald zutiefst und er bricht seinen beruflichen Aufstieg auf diesem Weg ab. In München studiert er darauf Philosophie, für eine Promotion reicht aber das Geld nicht.
Entmutigt und traurig begibt sich Friedrich Hebbel im Winter 1839 auf den entbehrungsreichen Fußmarsch von Süddeutschland nach Hamburg, nicht weil ihm Elise Lensing fehlt, sondern weil er keine Wahl sieht. Ausgehungert und krank, mit seinem Hündchen unter dem dünnen Mantel, erreicht er nach 20 Tagen durch Schnee und Kälte völlig erschöpft Hamburg.

Christine Hebbel
Christine Hebbel

Nachdem ihn die fürsorgliche Elise gesund gepflegt hat und in Friedrich Hebbel neue Kräfte aufkeimen, schafft er in einem Aufschwung kreativer Energien seine beiden Erfolgsdramen „Judith" und „Genoveva". Eine hocherfreute Amalie Schoppe sendet ihm am 17. Februar 1840 ein Schreiben mit der Reaktion auf seine „Judith". Und vergleicht ihn darin mit Shakespeare. Als Verleger wird schließlich kein geringerer als Julius Campe gewonnen.

Drei weitere Jahre lebt Friedrich Hebbel in der Hansestadt, richtig heimisch wird er in ihr nie.
Obwohl sich gegenwärtig der Kreis der Hebbel-Begeisterten eher klein hält, gilt er heute als geschätzter Schriftsteller, während er zu Lebzeiten fast überall ein Außenseiter-Dichter war. Trotz später Anerkennung, finanzieller Entspannung und seinem familiären Glück mit der Wiener Burgschauspielerin Christine Enghaus, blieb Friedrich Hebbel ein Trostloser. Einer, dem die Widrigkeiten seiner Umwelt, sein eigenes genialisches wie geschundenes und hochkompliziertes Wesen immer wieder Spannungen aufzeigten, die sich besonders düster und eindringlich in den Zeilen seines Tagebuchs spiegeln: „Mein Leben ist eine langsame Hinrichtung meines innern Menschen. Seis drum."

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Bilder: gemeinfrei 

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