Hamburg Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.hamburg-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Friedrich W. Kantzenbach
Wüsst ich Dinge leicht wie Luft

Dieses Gedichtsbändchen ist liebevoll gestaltet und mit Fotos versehen. Es wendet sich an Leser, die bereit sind, aufmerksam hinzuhören und sich einzulassen auf die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Schicksal.

Joachim Ringelnatz

„Ich bin etwas schief ins Leben gebaut./ Wo mir alles rätselvoll ist und fremd, [...]"

(aus dem Gedicht: Ansprache eines Fremden)

In der Fremde hat es Hans Gustav Bötticher, wie der spätere Joachim Ringelnatz mit bürgerlichem Namen heißt, immer gelockt. Ein nicht zu bändigender Erkundungsdrang, eine kindliche, kreative Sehnsucht nach Abenteuern hält ihn seit seiner Kindheit gefangen. Eine große Lust auf die Welt fernab des militärisch strengen und gesellschaftlich biederen wilhelminischen Zeitalters trägt er in sich. Im Haus der Familie Bötticher ist er der jüngste Sproß, die nur wenig ältere Schwester Ottilie seine engste Spielgefährtin. Mit dem Bruder Wolfgang teilt er nur wenige Gemeinsamkeiten. Er ist ein eifriger Schüler, während Hans die Schule als quälend empfindet. Als „respektfordernde Dunkelmenschen" bezeichnet er seine Lehrer, nur wenige von ihnen bleiben ihm in guter Erinnerung. Die Unterdrückung des freien Geistes, des kindlichen Ungestüms, die ständige Disziplinierung kompensiert er durch Streiche, Ungehorsam und freches Benehmen.

Aus der kleinen sächsischen Stadt Wurzen, wo Hans Bötticher im August 1883 geboren wird, zieht die Familie 1888 ins nahe Leipzig. Ihr Haus in der Poniatowskistraße ist eine angesehene Adresse. Die Familie leistet sich zwei Dienstmädchen, viele Gäste von Namen und Rang kommen zu Besuch. Es gibt häufig familiäre Theateraufführungen. Der Vater, Georg Bötticher, ist seinerzeit Wurzens erster Tapetenmusterzeichner, ein warmherziger, liberaler Mann und einer der beliebtesten, meistgelesenen Humoristen mit weitreichenden Kontakten zu vielen Gelehrten. Hans bewundert den Vater und eifert ihm sein Leben lang nach. Die Mutter, Rosa Marie Bötticher, ist künstlerisch begabt und im eigentlichen Sinne diejenige, die den aufmüpfigen Jungen zur Ordnung ruft.

Das Leipziger König-Albert-Gymnasium verlässt er mit 13 Jahren, nachdem er sich während der Schulpause in den angrenzenden Zoo zu einer der sogenannten Völkerschauen geschlichen hatte. Von einer Insulanerin aus Samoa, deren Exotik ihn verzückt und der er regelmäßig die entwendete Christbaumdekoration von Zuhause als Gastgeschenk mitbringt, lässt er sich kurzerhand den ersten Buchstaben seines Vornamens auf den Arm tätowieren. In der Schule gibt er mit dem neu erworbenen Körperschmuck so sehr an, dass seine Exkursion in den Zoologischen Garten herauskommt. Hans Bötticher fliegt von der Schule und erwirbt nur mit Mühe das Einjährig-Freiwillige-Examen auf einer Privat-Realschule.

Nach der verhassten Schulzeit will er nichts lieber als Seemann werden. Auch hier wieder erkennbar: die große Sehnsucht nach der Welt. Das Schiffsjungenleben erwartet ihn jedoch mit unsäglichen Entbehrungen. Bei den Seeleuten findet er wenig Anerkennung, sein markantes Aussehen – kleinwüchsig, schmal und langnasig – und sein stark sächsischer Dialekt sorgen für Spötteleien und Schikanen. Auch körperliche Misshandlungen muss er über sich ergehen lassen. Ringelnatz erinnert sich später immer wieder daran und ist überzeugt, dass ihm mit einem anderen Gesicht viel Leid erspart geblieben wäre. Sein Gesicht sei sein Schicksal, resümiert er, ohne das, wäre sein Leben ruhiger verlaufen.

Nach fünf Monaten strandet er nach zahllosen Strapazen in Hamburg, arbeitslos, allein und hungrig. Nahezu dreißig Berufe nimmt er in den nächsten Monaten an, um zu überleben. Er wird kaufmännischer Lehrling in einer Dachpappenfabrik, fahrender Musikant (mit zwischenzeitlicher Inhaftierung), Buchhalter in einem Reisebüro, Schaufensterdekorateur, Zigarrenverkäufer, Bibliothekar. Eine Zeitlang verdient er sein Geld sogar als Träger auf dem Jahrmarkt und befördert die Körbe mit den Riesenschlangen. Eine Existenz in festen Bahnen wird er bis zu seinem Lebensende ablehnen.

Vereinzelt erscheinen nun erste Texte, unter anderem 1910 sein „Schiffsjungen-Tagebuch". Als er 1909 seine ersten Auftritte in der Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus" bekommt (für einen lächerlich geringen Lohn), steigt er dort schnell zum Hausdichter auf. 1912 erscheint die Gedichtsammlung „Die Schnupftabaksdose", die einige seiner berühmtesten Verse enthält. In der Weimarer Republik wird er der Star des Kabaretts, und nennt sich seit 1919 Joachim Ringelnatz. Die Wahl des Namens steht vermutlich in Verbindung zum seemännischen Begriff des Seepferdchens: Ringelnass. Kult wird Ringelnatz´ Erfindung des Seemanns Kuttel Daddeldu, eine Persiflage - unmanierlich und skandalös-  auf seine eigenen Erlebnisse auf See. Berühmt auch seine ironischen „Turngedichte". Er reist als Vortragskünstler im blauen Matrosenanzug über die Kabarettbühnen der deutschsprachigen Lande. Die Menschen lieben seinen verqueren, charmanten Humor, der reimhaft daher kommt und dem die Jonglagen mit Wortneuschöpfungen eine beschwingte Würze verleihen. Wo die ungeheure Spielfreude mit der Sprache bei Ringelnatz die wunderbare Heiterkeit erzeugt, da bricht sie sich genauso rasch in der Pointe und der Welternst, die Melancholie treten an ihre Stelle. 

Mitte der 20er Jahre erscheint das erste seiner derb-fröhlichen Kinderbücher, die zu unpädagogischen Spielen auffordern. Immer häufiger bekennt sich Ringelnatz nun auch zum autodidaktischen Maler. Hinreißend sind die Liebesgedichte dieses Lyrikers. Viele von ihnen sind „Muschelkalk" gewidmet, der jungen Lehrerin Leonharda Pieper, die Ringelnatz 1920 heiratet und mit der er in München und Berlin lebt.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten entzieht ihm jegliche Grundlage für seine Kunst, er erhält Auftrittsverbot, die meisten seiner Bücher werden verbrannt. Eine Anpassung an das Regime lehnt er rigoros ab. Das Heitere, Unkonventionelle passt nicht in die ideologiestarren Köpfe der neuen, selbsternannten Regierung. Ringelnatz und seine Frau verarmen zunehmend. Für seinen 50. Geburtstag organisieren die Freunde eine Feier im Berliner Hotel Kaiserhof, darunter die dänische Schauspielerin Asta Nielsen. Später folgen auch Spendenaufrufe für den Dichter. Ringelnatz leidet da bereits an Tuberkulose, eine Altlast seiner strapaziösen Jugendjahre auf See und auf der Straße. Am 17. November 1934 stirbt er in Berlin und wird auf dem Waldfriedhof begraben.  

Die Dichtung des Joachim Ringelnatz: wehmütig und sanft, witzig und voller Einfühlungsvermögen. Spiegelbild seiner Suche nach dem Wesentlichen. Der Mensch hinter den Texten: ein kleiner, kluger Mann, ein romantischer Schalk, dem die ganze Welt gehörte, der sich aber niemals von dieser Welt vereinnahmen ließ.

 
weiterführende Artikel:

Hamburg in Gedichten von Ringelnatz
Joachim Ringelnatz auf der Deutschland-Lese
Ringelnatz-Gedicht Sommerfrische

 

Quellen:

 

Bilder:

Ringelnatz Portrait-Foto als Teaser (Wikimedia gemeinfrei)
Ringelnatz Gedenktafel, Foto by Axel.Mauruszat (Wikimedia, freie Nutzung)
Ringelnatz-Plakat (Wikimedia, gemeinfrei)
Kuddel-Daddeldu, Cover (Wikimedia gemeinfrei)
Grab von Ringelnatz in Berlin, Foto by Phaeton 1 (Wikimedia, CC BY-SA 3.0)